The scientific landscape behind the project
RELIQUIE WEIN/4 is rooted in the geology of the Weinviertel region in Lower Austria. Rather than illustrating geology, the project emerged through repeated field visits, conversations with geologists, geological maps, scientific literature and the observation of material behaviour.
Tractatus geologicus Weinviertleri
1.1 Das Weinviertel umfasst drei geologische Einheiten: die Molassezone im Westen und das Wiener Becken im Osten – getrennt durch die Waschbergzone.
1.1a Laa an der Thaya liegt in der Molassezone.
1.2 Vom Karpatium bis Badenium (ca. 17–13 Mio. Jahre) lag das Gebiet unter dem Meer – der Paratethys.
1.3 Paratethys: Ein tiefer Meerestrog, ein Binnenmeer, das sich zu dieser Zeit von der Karpatenvortiefe bis ins Weinviertel erstreckte.
<small>(Die oberflächennahen Gesteine des östlichen Weinviertels bestehen mit
Ausnahme der oberjurassischen Karbonate der Waschbergzone und lokaler Vorkommen mittelmiozäner Karbonate des Wiener Beckens ausschließlich aus klastischen Sedimenten. Plus Löss aus dem Pleistozän.)</small>
1.1 Das Weinviertel umfasst drei geologische Einheiten: die Molassezone im Westen und das Wiener Becken im Osten – getrennt durch die Waschbergzone.
1.1a Laa an der Thaya liegt in der Molassezone.
1.2 Vom Karpatium bis Badenium (ca. 17–13 Mio. Jahre) lag das Gebiet unter dem Meer – der Paratethys.
1.3 Paratethys: Ein tiefer Meerestrog, ein Binnenmeer, das sich zu dieser Zeit von der Karpatenvortiefe bis ins Weinviertel erstreckte.
<small>(Die oberflächennahen Gesteine des östlichen Weinviertels bestehen mit
Ausnahme der oberjurassischen Karbonate der Waschbergzone und lokaler Vorkommen mittelmiozäner Karbonate des Wiener Beckens ausschließlich aus klastischen Sedimenten. Plus Löss aus dem Pleistozän.)</small>
3.1 Die mikroskopischen Kammerlinge (Foraminiferen) der Laa-Formation erzählen von der Tiefe des Meeres.
3.1.a Ihre Gehäuse, meist aus Calziumcarbonat, sind oft kleiner als ein Sandkorn.
3.2 Benthische Formen lebten am Boden oder angeheftet an Pflanzen, planktische im offenen Wasser.
<small> (Die Foraminiferen-Fauna der Laa-Formation an der Typuslokalität wurde von Rögl (1969) beschrieben. Die Foraminiferen-Fauna der Laa-Formation ist artenreich. Für die Lokalstratigraphie
innerhalb der Paratethys sind vor allem die Entwicklungsreihen der Uvigerinen (Uvigerina parkeri breviformis PAPP & TURN., U. bononiensis primiformis PAPP & TURN, und U. graciliformis PAPP & TURN von Leitwert. In der Planktonfauna konnte eine neue Art der Gattung Hastigerinella (H. clavacella) festgestellt werden.) </small>
4.1 Weltweite Abkühlung, Eiskappen wachsen, der Meeresspiegel sinkt.
4.1.a Gleichzeitig heben sich die Alpen – die Gebirgsbildung verstärkt die Regression.
4.2 Die Paratethys zieht sich nach Norden in die Karpatenvortiefe zurück.
4.3 Teile des Weinviertels werden landfest.
4.4 Ein Fluss gräbt sich in die weichen Sedimente der Laa-Formation – der zukünftige Iváň Canyon entsteht als Flusstal.
5.1 Bei der nächsten Transgression (Badenium) wird das Tal geflutet.
5.2. Unter Wasser dient der Canyon nun als Rinne für Sedimenttransport vom Schelf in die Tiefe und wird durch Turbiditströme (Sedimentlawinen) weiter ausgeräumt.
5.3 Die Füllung (Iváň-Formation) besteht aus umgelagerten Küstensedimenten und ist chaotisch.
5.3 a Erosion und Füllung erfolgten nahezu gleichzeitig (synsedimentär).
<small>(Der Canyon ist 5 km breit, bis 600 m tief und erstreckt sich über mindestens 25 km von Laa bis nach Südmähren. Er wurde erst durch 3D-Seismik entdeckt (Dellmour/Harzhauser 2012).)</small>
6.1 Das miozäne Klimaoptimum bringt subtropische Temperaturen.
6.1 a Tropische Meerestiere wandern aus dem Urmittelmeer ein.
6.2 Die Grund-Formation (Typlokalität Grund, Hollabrunn): Wechsellagerungen von eben bis leicht wellig geschichteten, teils klebrigen, tonigen oder feinsandigen Silten bis siltigen Tonen. Die teils verwühlten Pelite führen in Dezimeter- bis Meterabstand cm- bis dm-mächtige Einschaltungen von meist Fein- bis Mittelsanden.
<small>(Die Sande sind Produkte kurzzeitiger, energiereicher Sedimentationszyklen – Sturmereignisse transportierten sowohl Sande als auch Fossilien vom flachen Wasser ins Offshore-Gebiet.)</small>
7.1 Auf kristallinen Untiefen wachsen Riffe aus Rotalgen (Corallinaceenkalke).
7.2 Der Mailberg Bruch (Teil der Wiener Becken-Bildung) schuf die Horste und Gräben.
7.2 a Angehobene Blöcke (Horste) ließen das Sonnenlicht bis zum Meeresboden – die ideale Wachstumszone für photosynthetische Algen.
7.3 Im Dickicht der Rotalgen lebten große, dickschalige Muscheln.
7.3 a Ihre Schill-Lagen deuten auf einen hochenergetischen Lebensraum im bewegten Wasser – vermutlich aufgelagert durch Sturmereignisse.
7.4 Die Mailberg-Formation ist heute als mächtige Kalkplatten am Buchberg, Steinberg und Blickenberg erhalten, eingeschaltet in die Pelite und Sande der Grund-Formation.
<small>(Die Mailberg-Formation ist geringfügig jünger als die Grund-Formation. Die Ablagerung erfolgte auf einer submarinen Schwelle in 30–50 m Wassertiefe, unter subtropischen, offenmarinen Bedingungen.)</small>
8.1 Das Wiener Becken entsteht als Pull-apart Becken.
8.2 Der Mailberg Bruch in der Molassezone ist eine dieser Störungen.
8.3 Flusssysteme (Ur-Donau, Ur-Zaya) entwässern nun nach Osten in das Wiener Becken.
<small> Die Bildung des Wiener Beckens führte zum tektonischen Durchbrechen der Waschbergzone, was den Flüssen einen neuen Weg nach Osten öffnete. Der Iváň Canyon verlor seine Sedimentzufuhr und erstarb. </small>
9.1 Weltweite Abkühlung führt erneut zu einer Regression.
9.2 Das Meer wird extrem flach und salzig.
9.2.a Badenian Salinity Crisis – riesige Gipsablagerungen in Polen und der Ukraine.
9.3 Das Weinviertler Meer zieht sich fast vollständig zurück.
9.4 Ende Badenium (ca. 12,8 Ma): Starke Regression, tiefe Täler, Wattmeer.
<small>(Die Paratethys zerfällt in isolierte Teilbecken. Im Sarmatium (12,7–11,6 Ma) gibt es noch einmal eine Überflutung, aber das Wasser ist brackig bis süß – kein normales Meer mehr. Laa liegt zu dieser Zeit trocken.)</small>
10.1 In Zwingendorf kommen sulfathaltige Salze an die Oberfläche: Glaubersalz (Na₂SO₄ · 10 H₂O) und Bittersalz (MgSO₄ · 7 H₂O).
10.1a Begünstigt durch Störungen im Untergrund, die das salzhaltige Grundwasser aufsteigen lassen.
10.2 Die Salze sind für die meisten Pflanzen hochgiftig („physiologische Dürre“).
10.3 Halophyten – salzliebende Pflanzen – trotzen dem Standort.
<small>(Ihre Taktiken: Sukkulenz – Wasserspeicherung; Salzdrüsen – aktive Ausscheidung; oder selektive Aufnahmebegrenzung.)</small>
11.1 Die Waschbergzone trennt die Molassezone (Westen) vom Wiener Becken (Osten).
11.1.a Sie ist der äußerste Streifen des alpin-karpatischen Deckenstapels.
11.2 Der Waschbergkalk (Eozän) wurde ursprüngliche als Turbidit abgelagert.
11.2.a Das beweisen Foraminiferen: Benthos aus dem Flachwasser und Plankton aus dem Tiefwasser kommen im gleichen Gestein vor.
<small>(Die Komponenten des Waschbergkalks wurden zweimal umgelagert: zuerst im Eozän als Turbidit, dann im Untermiozän (Eggenburgium) als riesige Olistolithe innerhalb eines Olistostromes. Die Arbeit von Holger Gebhardt (2021) gilt als maßgeblich.)</small>
11.3 Die Ernstbrunner Kalke (Jura) sind vermutlich ebenfalls Olistolithe.
11.4 Die Zone markiert die geologische Nahtstelle (Sutur) zwischen Alpen und Karpaten.
11.4.a Sie entstand, als der alpin-karpatische Deckenstapel im späten Untermiozän auf die Molassezone aufgeschoben wurde.
12.1 Der steile Berg der Burg Staatz (nahe Laa) besteht aus Ernstbrunn Kalk – einem der großen Olistholithe der Waschbergzone.
12.2 Das Kunsthaus Laa ist aus der Mailberg-Formation erbaut – dem Rotalgenriff des mittleren Badenium.
12.3 Die Ziegel für die Region kamen früher aus vielen Ziegelgruben aus der Umgebung wie jener in Laa.
12.3.a In der großen Ziegelei in Göllersdorf wird die Laa-Formation bis heute abgebaut.
Selected References
Dellmour, Rudolf & Harzhauser, Mathias (2012): The Iván Canyon, a large Miocene canyon in the Alpine-Carpathian Foredeep.
Finger, Fritz & Riegler, Gudrun (1999): Der Thayabatholith und der kristalline Untergrund des Weinviertels.
Hofmann, Thomas & Wimmer-Frey, Ingeborg: Geologischer Überblick des östlichen Weinviertels.
Glaessner, Martin (1931): Geologische Studien in der äußeren Klippenzone. Jahrbuch der Geologischen Bundesanstalt.
Klien, Arno & Roetzel, Reinhard (2009): Auf den Spuren der Urdonau im Raum Hollabrunn.
Roetzel, Reinhard (2009): Erläuterungen zu Blatt 23 Hadres. Geologische Karte der Republik Österreich 1:50.000.
Malzer, Otto et al. (1993): III.4. Die Molassezone und deren Untergrund. In: Brix & Schulz (eds.), Erdöl und Erdgas in Österreich.
Roetzel, Reinhard (ed.) (1999): Arbeitstagung Geologische Bundesanstalt 1999 Retz–Hollabrunn. Geologische Karten ÖK 9 Retz und ÖK 22 Hollabrunn.
Roetzel, Reinhard, Mandic, Oleg & Steininger, Fritz (1999): Lithostratigraphie und Chronostratigraphie der tertiären Sedimente im westlichen Weinviertel und angrenzenden Waldviertel.
Rögl, Fred (1968): Die miozäne Foraminiferenfauna von Laa an der Thaya in der Molassezone von Niederösterreich.
Rögl, F., Hofmann, Th., Zorn, I., Brzobohaty, R. & Stojaspal, F.: Die Typuslokalität der Laaer Serie. ÖGG-Exkursionsführer Nr. 17.
Wessely, G.: Das autochthone Mesozoikum im weiteren und engeren Raum von Laa an der Thaya–Staatz. ÖGG-Exkursionsführer Nr. 17.