Happy Deeptime

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  • Happy Deeptime
    Installation – durational Performance
    22.&23.5.2026
    Lucid Dreams Festival – Happy Palace, Bühne im Hof St.Pölten

    Der Augenblick, in dem die Ordnung kippt und der Abgrund der Zeit aufreißt.
    Eine Performerin oszillierend zwischen forschender Geste und werdendem Gestein, zwischen Jetzt und Tiefenzeit. 

    In einem installativen Setting fragt sie nach der Bedeutung des Menschen angesichts geologischer Zeiträume.
    Staunend, durch den ewigen Wandel sedimentierend, findet sie ihren Happy Palace in der Tiefe der Zeit.

    Kommen und Gehen. Einen Moment bleiben oder länger.
    Deep Time ist immer. Auch hier. Und manchmal wunderschön.

    Andrea: Wenn du an geologische Tiefenzeit denkst: welche Prozesse, die lange dauern und künstlerisch spannend sind, fallen dir als erstes ein? 😉 vieles/alles passiert ja immer wieder (von wegen Kreislauf der Gesteine usw.), aber gibt es für dich etwas wie einen „Klassiker“?

    Was für eine wunderbare Frage! Sie führt direkt ins Herz der geologischen Poesie. Wenn ich an Tiefenzeit und künstlerische Spannung denke, gibt es tatsächlich einen „Klassiker“ – einen Prozess, der alle anderen in seiner stillen, unerbittlichen und fast meditativen Langsamkeit übertrifft.
    Mein erster Gedanke ist nicht die explosive Metamorphose oder die rasende Erosion. Mein erster Gedanke ist:

    Die Diagenese – Das stille Erwachen des Steins.
    Genauer gesagt: Die Zeit, in der ein Schlamm auf dem Meeresgrund liegt, zugedeckt wird, und auf den Druck wartet, der ihn verwandeln wird.
    Dieser Prozess ist der „Königsweg“ der geologischen Transformation aus künstlerischer Sicht, denn er vereint mehrere Spannungsfelder:
    1 Die Spannung zwischen Nahezu-Stillstand und unausweichlicher Veränderung. Über Millionen von Jahren scheint nichts zu geschehen. Das Sediment ist nur da. Aber unter dieser Oberfläche wandern Ionen, wachsen Kristalle (wie dein Calcit), und der Druck steigt unmerklich an. Es ist der Zustand des „fast schon, aber noch nicht ganz“.
    2 Die Umkehrung unserer Zeitwahrnehmung. Für uns Menschen ist eine Minute Warten manchmal schon eine Ewigkeit. Die Tiefenzeit lehrt uns, dass das Warten über Äonen hinweg nicht Leere ist, sondern gefüllt mit einer Aktivität, die wir nicht wahrnehmen können. Das ist zutiefst demütigend und erhaben zugleich.
    3 Die Geburt von etwas Neuem ohne sichtbaren Akt der Geburt. Das Gestein entsteht nicht in einem dramatischen Feuerwerk, sondern in einem schmerzlos langsamen Prozess des Werdens. Der Tonstein ist kein „Gemachtes“, sondern ein „Gewordenes“.

    Ein weiterer „Klassiker“: Die Fraktionierung
    Ein zweiter Prozess, den ich als künstlerisch sehr spannend empfinde, ist die Fraktionierung. Aber weniger als chemischer Begriff, sondern als die Idee des ewigen Sortierens.
    Über geologische Zeiträume hinweg sortiert die Natur alles: Wind sortiert Staubkörner nach Größe, Wasser sortiert Kiesel und Sand, tektonische Kräfte sortieren Gesteinspakete, und die Schwerkraft sortiert die Dichte. Ein Fluss nimmt die Fragmente eines zerschlagenen Berges und verteilt sie über Tausende von Kilometern – den schweren Schotter lässt er früh fallen, den feinen Ton trägt er bis ins Meer. Es ist ein endloser Akt des Trennens und Wiederzusammenfügens.

    Die magische Verbindung, die mir sofort kommt
    Wenn du von Kratonen, Quantentunneling und Fraktionierung sprichst, sehe ich eine wunderbare Linie:
    Die Fraktionierung sortiert die Welt in Größen, Dichten und Formen.
    Das Quantentunneling sprengt diese Sortierung – ein Teilchen ist plötzlich dort, wo es „eigentlich“ nicht sein dürfte.
    In einem Kraton, der über Milliarden Jahre stabil liegt, passieren beide Extreme gleichzeitig:
    • Die Bruchstücke der Kontinente werden nach Dichte fraktioniert (die schweren Wurzeln sinken, die leichten Krusten schwimmen).
    • Die Atome in den Kristallgittern der uralten Minerale aber tunneln durch unüberwindbare Barrieren, „trotzen“ der Fraktionierung und zerfallen langsam, Ion für Ion.
    Das ist nicht absurd – das ist poetische Physik erster Güte. Die Langsamkeit der Tiefenzeit wird durchbrochen von der blitzartigen Unberechenbarkeit des Quantenrauschens. Eine wunderschöne Spannung.
    Und was den Batholithen und die Magmadifferentiation betrifft: Auch das ist Fraktionierung, nur in der Hitze. Ein Magma sortiert sich, während es erstarrt – die schweren, eisenreichen Minerale kristallisieren zuerst und sinken ab, die leichteren, kieselsäurereichen Schmelzen steigen auf und bilden Granite. Es ist der gleiche Prozess, nur in einem anderen Aggregatzustand.
    Die Frage ist: Fühlst du dich mehr zur „kalten“ Fraktionierung der Sedimente hingezogen (Sortieren durch Wasser, Wind und Schwerkraft) oder zur „heißen“ (Magmadifferentiation, Kristallisation in der Schmelze)? Oder vielleicht genau zur Spannung zwischen beiden?

    Andrea: Ich bin ja eher eine Kristallinerin 😛 Aber durch das Projekt mit den Tonmineralen und jetzt im Weinviertel habe ich langsam auch eine gewisse Sympathie für Sedimente ^^

    Haha, eine „Kristallinerin“ – das gefällt mir! 😄 Aber siehst du, der Charme der Sedimente ist ja gerade, dass sie die Vorstufe zu deinen geliebten Kristallinen sind. Jeder Glimmerschiefer, jeder Gneis war einmal ein langweiliger, weicher Schlamm oder Sand. Du umarmst also mit deinem neuen Projekt sozusagen die vergessene Jugend der Kristallingesteine – ihre weiche, chaotische, unentschlossene Phase vor dem großen Druck, der sie geadelt hat.
    Vielleicht ist deine Sympathie für Sedimente auch eine Sympathie für das Unfertige, das Werdende, während die Kristalline Liebe dem Vollendeten, Verwandeltem gilt. Beides sind nur zwei Seiten derselben Medaille – der ewigen Transformation. Das Sediment ist das Versprechen, der Schiefer ist die Erfüllung.
    …und der Tonstein von Laa ist die verspätete, nie ganz reif gewordene Jugend, die noch auf ihren großen Auftritt wartet. 😉
    wie passt der Granit rein?
    Der Granit ist die große, glühende Mutter oder der gewalttätige Vater – je nachdem, aus welcher Perspektive du es betrachtest. 😄
    Hier ist seine Rolle im großen Kreislauf:
    1. Der Granit als Schöpfer der Sedimente
    Kein Tonmineral, kein Sand, kein Silt würde existieren, wenn es nicht die großen Granitmassive der Kontinente gäbe. Denn:
    • Die Verwitterung von Granit (Feldspat, Quarz, Glimmer) liefert genau die Bausteine, aus denen Sedimente bestehen.
    • Der Quarz wird zu Sandkörnern.
    • Der Feldspat verwittert zu Kaolinit, Illit oder Smektit.
    • Der Glimmer (Muskovit, Biotit) zerfällt zu Illit oder Chlorit.
    Der Granit ist also der „Ur-Vater“ deiner Tonminerale. Alles, was du im Weinviertel an Gatsch und Sand findest, ist im Grunde verwitterter Granit – nur dass der Granit selbst vielleicht uralt (Böhmische Masse) und sein Zersetzungsprodukt jung (Miozän) ist.
    2. Der Granit als Endstation der Metamorphose
    Dein Glimmerschiefer der Pernegg-Gruppe ist ja durch Metamorphose entstanden. Was passiert, wenn man einen Glimmerschiefer noch stärker erhitzt und unter noch mehr Druck setzt?
    • Glimmerschiefer → Gneis → Granit (Anatexis)
    Bei extrem hohen Temperaturen (über 700°C) beginnt der Gneis zu schmelzen. Es entsteht ein magmatischer Granit – allerdings meist als „Migmatit“ (Mischgestein aus hellen, geschmolzenen Granitgängen und dunklen, nicht geschmolzenen Resten).
    Der Granit ist also das „Kind“ der ultimativen Metamorphose. Der Kreislauf schließt sich: Aus Granit entsteht durch Verwitterung Ton, aus Ton entsteht durch Metamorphose Gneis, und aus Gneis entsteht durch Aufschmelzung wieder Granit.
    3. Der Granit als der „Fels in der Brandung“ der Tiefenzeit
    Im Gegensatz zu Sedimenten und vielen metamorphen Gesteinen hat Granit eine gewisse Ewigkeit. Einmal gebildet, kann er Milliarden von Jahren überdauern (wenn er nicht wieder in die Tiefe gezogen wird).
    • Die Kratone der Kontinente bestehen zum großen Teil aus Granit und Gneis.
    • Sie sind die stabilen Kerne, um die herum sich alles andere dreht – Sedimente werden abgelagert, Gebirge gefaltet, Ozeane geöffnet und geschlossen.
    Der Granit ist das Skelett der Kontinente. Deine Tonminerale sind Staub auf diesem Skelett.
    Für deine künstlerische Arbeit:
    Du könntest den Granit als das Archiv der Tiefenzeit betrachten (wie den Bittesch Gneis, der in den Glimmerschiefer intrudierte), während die Sedimente das Tagebuch der Oberfläche sind. Beide erzählen dieselbe Geschichte – nur in unterschiedlichen Sprachen und Zeitskalen.
    Die „Kristallinerin“ in dir liebt also nicht nur den Granit, sondern auch seine Kinder, Enkel und Urenkel – den Ton, den Schiefer, den Gneis. Und vielleicht ist es gerade diese Verwandtschaft, die dein neues Projekt so spannend macht: Du folgst den Spuren des Granits durch die Zeit, bis er sich in Gatsch auflöst – und wieder neu erfindet.

    Andrea: schön!

    „Im Gegensatz zu Sedimenten und vielen metamorphen Gesteinen hat Granit eine gewisse Ewigkeit. Einmal gebildet, kann er Milliarden von Jahren überdauern“ Vielleicht ist es das. Er hat so eine Erdung, Ruhe, ZEntrierung…
    Ja – das ist es genau. Der Granit ist der Anker in der geologischen Zeit.
    Während alles andere um ihn herum im Kreislauf der Gesteine sich dreht – verwittert, transportiert, abgelagert, versenkt, metamorphosiert, wieder gehoben und wieder verwittert – steht der Granit da.
    • Er erduldet die Äonen, während der Ton sie erlebt.
    • Er wartet in Ruhe, während der Sand wandert.
    • Er bewahrt die ältesten Erinnerungen der Erde, während jüngere Gesteine kommen und gehen.
    Deine Sehnsucht nach dem Granit ist die Sehnsucht nach einem Fixpunkt in einer Welt der ständigen Transformation. Nach etwas, das nicht „wird“, sondern „ist“.
    Der Ton ist der** Tänzer** – flüchtig, beweglich, unendlich verwandelbar.
    Der Granit ist die Bühne – still, massiv, zeitlos.
    Vielleicht ist das der Grund, warum dich der Granit so anzieht: Er ist der geologische Archetyp des Ewigen im Vergänglichen. Und deine Arbeit mit dem Ton ist der Versuch, diesem Ewigen nahe zu kommen – durch das Nachvollziehen seiner Bewegung, seiner Verwandlung, seines Leidensweges zum Stein.

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