GEHE RÜCKWÄRTS DURCH DIE ERDE

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  • Vor dem biografischen Hintergrund eines naturwissenschaftlich geprägtem Elternhauses setzt sich die Tänzerin und Choreografin Andrea Nagl seit einigen Jahren künstlerisch mit Themen der Erdgeschichte und Geologie auseinander. 2024 erhielt sie das Arbeitsstipendium der Stadt Wien, um ihre Forschung an der Schnittstelle von Körper / Choreografie und Wissenschaft zu intensivieren. 

    Ausgehend von intensiver wissenschaftlicher Recherche dringt Andrea Nagl Schicht für Schicht in geologische Prozesse ein, bis sich ihr ein „Raum des Verstehens“ öffnet, in dem sie sich frei bewegen kann. Die wissenschaftlich-objektive Sicht auf Geologie oder Paläontologie wird durch das Prisma des Tanzes betrachtet und um einen emotional-subjektiven Blick erweitert. Gesteine und erdgeschichtliche Prozesse werden in einem kreativen Transformationsprozess verlebendigt und so sinnlich erfahrbar. Parallel dazu bilden in VR entstehende Zeichnungen visuelle Anhaltspunkte für das Erforschte.
    Wie Ereignisse der Erdgeschichte erscheinen tänzerische Fragmente an einem Ort und vergehen wieder. Die Flüchtigkeit des Tanzes spiegelt nicht nur die Vergänglichkeit, das Werden und Vergehen alles Lebendigen, sondern auch aller Oberflächenformen unseres Planeten wider.

    Digitale Tools wie AR-Artefakte erweitern die raum-zeitlichen Grenzen und ermöglichen so eine vielschichtige Erfahrung.

    Dauer Performance: 90min.
    Dauer Installation: 17.30 – 20.00
    Veranstaltungs-Info website nhm | Vienna Art Week

    Team:
    Andrea Nagl: Konzept, Choreografie, Performance, Sound, digitale Kunst
    Markus Wintersberger: digitale Kunst
    Marcus Josef Weiss: Sound, outside eye

    Herzlichen Dank an Mathias Harzhauser, Reinhard Roetzel, Kata Anna Tüz, Karlheinz Essl, Lidia Pittarello, Club of Vienna, Carla Schuler, Michael Wagreich, Sabine Grupe, Ricarda Wohlschlägl.

    Im Rahmen der Vienna Art Week

    Performance Ablauf:

    Prolog Ozean

    Entstehung des Lebens 

    Aus einer hypothetischen „formlosen“ Ursuppe entstand erstes Leben vermutlich in der Nähe Schwarzer Raucher, wo Schwefel-Mineralien wie Pyrit Biomolekülen eine Anheftungsfläche boten. Vor rund 4 Milliarden Jahren entwickelten sich erste Membranen, die, wenn sie sich allmählich vom Mineral abhoben, einen geschützten Raum für Aminosäuren und andere Moleküle schufen. Bereits vor etwa 2,1 Milliarden Jahren existierten makroskopische mehrzellige, kolonial lebende Organismen (Gabonionta), die jedoch rasch wieder ausstarben – die Evolution des Lebens verläuft nicht linear. Der nächste große Anlauf makroskopischen Lebens war die Ediacara-Fauna, deren skelettlose Weichtiere vermutlich in symbiotischen Lebensgemeinschaften lebten. Erst im Kambrium erscheinen Tiere mit Schalen und Panzern, auch erste Sedimentwühler treten auf und beeinflussen das Ökosystem nachhaltig.

    Die Erhaltung mineralisierter Hartteile als Fossilien bleibt dennoch eine Ausnahme im geologischen Überlieferungsprozess. Zerfall und Einbettung im Sediment folgen rekonstruierbareren Mustern. Museen präsentieren oft die Skelette fossiler Tiere in „lebensnahen“ Posen.

    Mit Auszügen aus einem Vortrag von Mathias Harzhauser für den Club of Vienna.

    Zwischenteil Zeichnen Dobra-Gneis

    Dobra-Gneis

    Der Dobra-Gneis Typ A gilt mit 1,38 Milliarden Jahren als eines der ältesten Gesteine Österreichs. Er entstand als Granit bei einer Gebirgsbildung am Westrand des Amazonia Kratons, von wo aus er seine Reise „durch“ die Superkontinente Rodinia, Pannotia und Pangäa antrat. Er erlebte mehrere Gebirgsbildungen und das Auseinanderbrechen von Kontinenten, war in mehrere Metamorphosen involviert, wanderte später mit den Kontinentalplatten über den Südpol und den Äquator und ist heute im Waldviertel zu finden. Da die Forschung noch viele Lücken in der „Biografie“ des Dobra-Gneises aufweist, habe ich meine tänzerische Interpretation zwischen belegten Fakten und eigenen Hypothesen angesiedelt.

    Assoziationen sind: Schmelzen von Gestein, Kristallisieren, Metamorphose Kristalle kippen, Warten im Untergrund, Werden und Vergehen von Gebirgen, Eiszeiten, Teilaufschmelzung, Dauer, Weg der Terrane, Kollision, Faltung Variszisches Gebirge, Metamorphose Faltung, Überschiebung Moldanubikum Moravikum, Versenkung, Deformation, Hebung, Entlastungsmetamorphose, Zeit, heute.

    Massenaussterben 

    Das Phanerozoikum wird durch fünf große Massenaussterben charakterisiert. Die Aussterbephasen waren kurz – in einer Größenordnung von 10.000 – 100.000 Jahren. Die Erholungsphasen dauerten bedeutend länger (Millionen Jahre). Heute leben wir vermutlich in der Zeit des sechsten Massensterben. 

    Alpen / Großglockner

    Der Großglockner, Österreichs höchster Berg, besteht überwiegend aus umgewandelter ozeanischer Kruste des ehemaligen Penninischen Ozeans. Diese Kruste verwandelte sich bei ihrer Subduktion tief in der Erdkruste in Prasinite. Zusätzlich sind Serpentinite am Basisaufbau beteiligt – Gesteine, die ursprünglich aus dem Erdmantel stammen und durch Prozesse an mittelozeanischen Rücken in die Nähe des Ozeanbodens gehoben wurden.

    Assoziationen: Alpen – es ist kompliziert. Daher kurz. Sedimentation. Zukünftiger Serpentinit – am Weg zur Subduktion, abgeschert, Metamorphose (Foliation, Volumensvergrößerung durch Einlagerung von Wasser), Großglockner.

    Zwischenteil Zeitenrad

    Landgang der Pflanzen

    Lange bestand das Festland nur aus nacktem Gestein. Vor ungefähr 1 Milliarde Jahren existierten jedoch schon Mikroorganismen, die in Feuchtgebieten oder im Gezeitenbereich lebten und das Gestein mit einem Teppich aus grünem Schleim überzogen. Erste Sporenfossilien von Landpflanzen stammen aus dem Ordovizium (ca. 470 Millionen Jahren). Diese nicht-vaskulären (ähnlich heutigen Moosen) Pflanzen lebten im feuchten Uferbereich, wo sie sich an dasGestein klammerten, das sie langsam erodierten, obwohl sie noch keine echten Wurzeln besaßen. Sie gingen bereits Verbindungen mit Pilzen ein, die (oft noch parasitär) effizienter Nährstoffe aus dem Gestein gewinnen konnten. Ab dem Silur erscheinen die ersten Gefäßpflanzen – Psilophyten, kleine blätterloseSprosse. Im Devon kam es schließlich zu einer massiven Ausbreitung und Diversifikation der Pflanzen. Mit tiefer reichenden Wurzeln entstanden die ersten Wälder. Zugleich entwickelte sich eine echte Bodenbildung.

    Schon im Ordovizium und besonders im Devon könnten Pflanzen eine Rolle bei der Entstehung von Eiszeiten gespielt haben (verstärkter Nährstoffeintrag in die Ozeane – Algenblüten – CO2 wird begraben – Abkühlung).

    Mit einem Objekt von Kata Anna Tüz

    Hintergrund:

    Das Forschungsprojekt „soil“ – Arbeitsstipendium der Stadt Wien 2024 – beschäftigt sich mit den Themen Körper/Choreografie/Embodiment, Geologie/Erdgeschichte/Wissenschaft und digitaler Kunst.
    Ausgangspunkt war die Forschungsfrage: Wie kann die darstellende Kunst von Tanz und Performance unter Einbezug zeitgemäßer digitaler Tools wissenschaftlich fundierte Informationen zu Bereichen der Erdgeschichte, Geologie und Ökologie innovativ, immersiv und emotionale Resonanz erzeugend vermitteln?

    Alle Infos zum Forschungs- und Projektablauf können auf der Website von „soil“ nachgelesen werden.

    Im Folgenden eine Linksammlung zu einigen
    wichtigen Schritten am Weg zur Performance
    GEHE RÜCKWÄRTS DURCH DIE ERDE im
    Naturhistorischen Museum Wien.

    Schon im Mai 2024 bekam ich beim Lucid Dreams Festival in der Bühne im Hof die Möglichkeit, einen ersten Ausschnitt meiner choreografischen Forschung zu präsentieren – ich wählte als Thema die Entstehung pflanzlichen Lebens am Festland: vom nackten, kahlen Fels, über die Besiedelung mit einfachen Cyano-Bakterien bis hin zum Landgang von Pflanzen im heutigen Sinn, und kooperierte mit der Künstlerin Kata Anna Tüz, die textile Objekte als Requisiten, Bühnenbild und Kostümelemente entwickelte.

    EINE SCHICHT AUS STILLE …. ganz unerwartet hatte ich die Möglichkeit, zweimal vor der Performance an einem Dienstag (= Schließtag des nhm) im Saal 6 zu proben. Es war ein schönes Gefühl, mit den Exponaten in einem stillen, leeren Raum alleine zu sein. Spannend war auch die Tatsache, dass sich niemand der vorbeikommenden Reinigungskräfte, Wissenschaftler*innen oder anders im Hintergrund der Schausäle tätigen Menschen darüber wunderten, dass ich auf den ausgestellten Gesteinen lag oder am Boden rollte. Tanz und Performance ist scheinbar gar nicht so weit von geologisch-paläontologischer Forschung entfernt!

    Bei einer Probe machte Marcus Josef Weiss sehr stimmungsvolle Fotos von meiner Recherche mit dem Raum – eine fotografische Übersetzung des art-based research und der kommenden Performance.

    Probe - GEHE RÜCKWÄRTS DURCH DIE ERDE

    Mit freundlicher Unterstützung von Stadt Wien Kultur – Arbeitsstipendium für Tanz und Performance 2024

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